Flugberichte

Einmal ein Mal um die Schweiz – einmalig!

Angesteckt mit dieser Idee hat mich David Leemann aus Bex: In einem Flug alle Nachbarländer der Schweiz zu touchieren, idealerweise nur aus der Luft 😊. Lichtenstein, Österreich, Italien, Frankreich und Deutschland ganz ohne Antrieb – ob das möglich ist?

Eine verrückte Idee?

Eigentlich wollte ich dies schon 2019 versuchen, aber nicht mal bei einem Versuch blieb es, nur bei der Idee. Dieses Jahr, nach einigen super Wetterlagen im Süddeutschen Raum hatte ich dieses Fluggebiet aber wirklich langsam gesehen. Schwarzwald auf und ab, Schwäbische Alb hoch und runter. Selbst nach fast 10 Stunden Flugzeit sieht alles immer fast gleich aus. Auch wenn man sich damit das Vreneli (Gold-C-Abzeichen) am einfachsten holen könnte ab LSPA? Genau deshalb hat dieses «Projekt» (s)einen besonderen Reiz. Aus dem Thermikparadies Amlikon (#husthust) in die Alpen, den Jura und den Schwarzwald zu erforschen, das klingt doch wesentlich spannender!

Das Wetter muss stimmen

In der Woche vor dem 1. August spienzelte ich immer wieder in die Wetterprognosen von Top Task (https://www.flugwetter.de/fw/chartsga/segelflug/jtt.htm), warf Blicke auf Webcams und schaute mir die Flüge im OLC an. Ob die Prognosen deckungsgleich mit der Realität sind? Freitag scheint gut zu sein, und im Falle einer Aussenlandung auch am wenigsten problematisch (das macht einen solchen Flug wesentlich entspannter!) – in der Hoffnung, ein Flugzeuganhänger hätte im schlimmsten Fall Lust auf eine Reise quer durch die Schweiz. Und sonst halt doch ein Zahnbürsteli und ein paar Kissen zum Übernachten. Die hat man ja automatisch, wenn man die ASH 25 fliegt und dabei auch was sehen will…

Potentielle Flugdistanz für den 31.07.2020

Nun kommt Philipp ins Spiel. Er macht Ferien auf dem Flugplatz, hat Bock auf die Alpen und den geilsten Flieger unserer Flotte. Schon am Mittwoch fand er, es wäre doch einen Versuch wert, zusammen die 25zig auszufliegen.

Also gut, schauen wir das Wetter am Donnerstag nochmals an (was man als Segelflieger – in der Pause! – bei der Arbeit so macht). Scheint noch gut zu sein! Verdankenswerterweise hat sich HP anerboten, zu schleppen, toll! Weniger toll waren dann die Prognosen am Freitagmorgen, die sind ja schlechter geworden… (was ich mir später noch des öfteren anhören muss). Egal, ich kann sonst immer noch Homeoffice im Wohnwagen machen.

Das Wagnis wagen

Skeptisch war ich schon. Aber schlussendlich musste ich Philipp Recht geben: Wenn man es nicht versucht, klappts sowieso nie (unklar ist bis jetzt, ob er lieber auf der Südseite aussengelandet wäre als…). Wir entschieden uns für den Uhrzeigersinn, macht das Sinn? Im Nachhinein ja. Aber die Idee war eigentlich eher die: sollte es nicht so gut sein wie nötig, sind wir wenigstens etwas in den Alpen herumgedümpelt. Allenfalls können wir ja den Versuch starten.

Wasser hatten wir keines geladen bis auf 1.5 Liter pro Person. War eh zu heiss für den Robin. HP beförderte uns bis zum Kronberg, wo das erste Wölklein auf 2300 AMSL stand. Wir entschieden uns, weiter Richtung Chäserugg zu fliegen. Da waren auch schon zwei andere Langohren anzutreffen. Wir kurbelten uns auf 2500 Meter rauf.

Liechtenstein und Österreich

Auf die erste Entspannung folgte die wichtigste Entscheidung dieses Fluges: Österreich holen, auch wenn das Glarnerland der schnellere Weg ins Wallis ist (sorry, mich reizt das Wallis mehr als das Engadin)? Zu diesem Zeitpunkte hätte ich nicht gedacht, dass es was werden könnte mit dem Plan. Glücklicherweise leitete uns das Bauchgefühl über das Rheintal links am Falknis vorbei ins Prättigau.

Double-Tab! Lichtenstein und Österreich

Philipp kannte diese Region vom Gleitschirmfliegen, ich von anderen Flügen. Aber in der Regel hatte ich da einige Meter mehr unter den Flügeln. Entsprechend flog ich eher mit angezogener Handbremse, wichtiger war mir das Obenbleiben. Nach meinen Erfahrungen wird’s unter 2200 m einfach immer schwieriger. Irgendwie kämpften wir uns weiter nach Klosters vor, wo uns ein paar Regentropfen den Flügel reinigten. Ich wollte nicht ins Engadin. Irgendwie war mir alles als «Nicht-Alpen-Crack» mit knapp 3000 m immer noch nicht sonderlich hoch. Also (ach ja, Österreich haben wir uns am Schesaplana geholt), weiter Richtung Westen, äh, Süden, äh, wo ist unser Fernziel eigentlich genau?

Italien via Wallis

Mittlerweile war klar, es ins Wallis zu versuchen. Dass uns dann die Wolken in der Region Splügen in den italienischen Luftraum lockten, war schon fast Glück. Die Basis ist nun auch angenehmer auf etwas über dreitausend angestiegen. Immer aufmerksam, wie man gut mindestens eines der spärlichen (verglichen mit dem Flachland…) Aussenlandfelder erreichen kann. Steigwerte waren nun auch um zweieinhalb Meter und um Ambri nahm der Flugverkehr auch massiv zu.

Gotthardpass, Windräder im Aufbau

Die Hauptstrasse haben wir aber nicht gewählt. Für uns geht’s am Nufenen vorbei Richtung Aletsch. Auch mein Navigator im Rücksitz konnte mir nicht mit Sicherheit die Namen der markanten Gipfel wie dem Finsteraarhorn sagen (mindestens alle Münsterpiloten langen sich jetzt an den Kopf, ich weiss…). Hier lief alles wie geschmiert. Über der Bettmeralp haben wir eigentlich nur für die Videoaufnahme gekreist…

Der Aletschgletscher ganz nach dem Motto: „Äs hätt solangs hätt…“
Finsteraarhorn? Finsteraarhorn.
Wofür diese Kursabweichung wohl war!?
Wendepunkt Italien. Check.

An und in der TMA von Sion vorbei, mal etwas näher am Granit, erreichten wir das Wildhorn, wo wir uns an die Basis bis zum Höhepunkt von 3700 m kurbelten. Wir meldeten den restlichen Cumulüssler auf der Platz-Frequenz, dass wir die Alpen verlassen Richtung Jura. Die letzte Wolke stand dann südlich von Saanen. Ich wollte nochmals so hoch wie möglich, bevor wir uns dem Schicksal überliessen.

Vom Wallis zum Jura

Etwas spät realisierten wir, dass bei Gruyère ja noch die Trennlinie Alpen/Mitteland liegt, was heisst, maximal 3000 AMSL ab da. Aber kein Problem, man kann mit dem Schiff die Höhe auch gut in Fahrt umsetzen. Anstatt mal sinnvollerweise bei Payerne anzufragen ob wir denn die CTR Richtung Môtiers passieren dürfen, liessen wir wieder mal zugeführtes Wasser ab und nahmen ein Video von der Mittelland-Querung auf. Wie man auf dem Video sieht – zwischen den Voralpen und dem Jura war kein Wölklein zu sehen. Erst auf den Jurakreten markierte eine hohe Wolkenstrasse verheissungsvolle Thermik.

Mittelland-Querung #abDurchDasBlaue #OffeneKlasseMachtsMöglich
Saanen – Blickrichtung Westen mit Genfersee

Ob das reicht? Gewöhnt an den Gleitwinkel der geliebten LS4 war ich da skeptisch. Doch der Rechner meinte, 900 Meter über Môtiers!? Das «Offene-Klasse-Erlebnis» oder so nennt sich das. Wie zu erwarten, hat uns Payerne auch durchgelassen und wir kamen nach knapp 30 Minuten Abgleiten 300 Meter über der ersten Krete im Jura an. Huch, das hat aber jetzt nur erstaunlich knapp gereicht.

Frankreich via Jura

Nur einmal musste ich Philipp an dieser Schlüsselstelle sagen «Heb d‘ Schnorre», nachdem ich offensichtlich auf die falsche Seite eingekreist hatte. Nun ja, recht hatte er, links rum konnten wir einige Meter und ich Vertrauen in die Thermik gewinnen. Etwas weiter in den Jura ging’s immer besser und dann sogar richtig, richtig gut! Die Basis saumässig hoch, geschätzte 3000 m. Frankreich war einfach zu holen. Etwas hinter der Grenze konnte gut zu einer Wolkenstrasse aufliniert werden.

Vive la France! Deutschland holen wir uns zum Schluss!
„D‘ Prognose sind im Fall schlechter worde“ – Herkunft unbekannt.

Nun konnte sich Philipp wieder einmal nützlich machen und mit Basel Info funken. Ziel: Querung der TMA von Delémont nach Schupfart, wenn möglich auf über 2000 m. Die Antwort des Lotsen war verblüffend simpel: «Crossing direction Fricktal approved», oder so irgendwie. Nicht mal eine Höhenangabe oder genaueres Routing. Cool! Also konnte ich gemütlich mal Linienfliegen und wir kamen schnell bei dem 2000er Luftraum bei Fricktal an. Wir waren knapp darunter.

Aber schön wäre es gewesen, die letzte Wolke auf dem Ausläufer des Juras auszukurbeln… Die Aufgabenstellung an Philipp war damit klar. Nach einem «Stand-by» der Flugverkehrsleiterin kreiste ich ungeduldig dem Deckel näher… doch dann die Freigabe, bis 2700, perfekt! Nun schien der zeichnende Schwarzwald nach einem blauen Loch gut erreichbar. Auch diesmal wurden wir wieder aufgerufen für ein Position-Report. Macht man gerne, vor allem wenn man ohne Transponder unterwegs ist.

Deutschland mit Schwarzwald

Schwarzward gen Norden. Beste Steigwerte um 18:00…

Selbst im Blauen konnten Linien geflogen werden, so dass der Schwarzwald mit über 3 m/s uns in Empfang nahm. Also noch die Strasse bis ans Ende Richtung Norden ausfliegen mit dröhnenden 200 km/h im Steigen. Wer weiss, wenn wir jetzt wenden, vielleicht lässt sich ja noch Thermik zuhause finden, um das FAI-Dreieck am Kronberg (Klinkpunkt) zu schliessen?
Nein, anstelle von Thermik konnten wir höchstens einen Tinnitus vom Endanflug einfangen. Irgendwie dröhnt das Teil ziemlich, vor allem hinten, ab 190 km/h…

Zum Schluss wenigstens noch eine vernünftige Wende

Mit lockeren Reserven erreichten wir unseren Campingplatz. Falls man das noch nicht herausgehört hat: das 25zgi ist ein geiles Geschirr! Selbst der Landeanflug mit der potenten Schleicher «L-Stellung» macht irrsinnig Spass! Mit einem Anstellwinkel ähnlich einer ASK21 bei 200 vergisst man das minim mühsamere Handling am Boden (aus dem Hangar schieben, Kuller dran und mit dem Auto an den Startplatz ziehen lassen) sofort 😊. Nun aber genug Schleichwerbung.

Fazit

Für mich war dieser Flug ein Klasse Beispiel dafür, wie das Segelfliegen immer wieder aufs Neue begeistern kann. Es gibt immer wieder etwas Neues auszuprobieren, zu geniessen und zu lernen. An dieser Stelle ein Danke an Philipp für das «Drängen» am Morgen, es zu versuchen, mich den ganzen Flug ohne Widerrede fliegen zu lassen und das erfolgreiche Funken 😊.

Was wären weitere Ideen? Deutschland, Österreich, Slowenien und Italien? Oder den Genfer- und Bodensee umrunden? Dafür muss das Wetter aber definitiv passen und Fehler dürfte man sich keine erlauben. Aber – das Wichtigste ist immer noch – es überhaupt zu versuchen!

Der ganze Track im OLC: https://www.onlinecontest.org/olc-3.0/gliding/flightinfo.html?dsId=8053710

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