Wenn der Hund nicht geschissen hätte, wären es 800 km geworden…

Flug vom 30.6.2012

Start: 0958 (LOC) in Amlikon

Landung: 1950 (LOC) in Sitterdorf

Flugzeug: ASH 25 HB 2318, CS

Flug ist im OLC zu finden unter: www.onlinecontest.org/olc-2.0/gliding/flightinfo.html

Am Mittwoch, 27.6.2012 hatte ich am Vormittag eine Mail an Hannes geschickt: „So sieht es Samstag aus“ (Foto siehe unten). Es war mit sehr gutem Streckenflugwetter zu rechnen, Wetter-Jetzt.de ging in gewissen Gebieten von bis zu 1000 km PFD für ein 18m Flugzeug aus. Die Werte erhärteten sich in den folgenden Tagen und wir entschlossen uns, am Streckenflugbriefing teilzunehmen und fassten einen frühen Start ins Auge.

Das 0800 Briefing war sehr gut besucht. Die Fernsicht war relativ schlecht, die Prognose ging davon aus, dass es zu Gewittern im Westen der Schweiz kommen kann. Perfekt, wir wollten nach Osten, wenn möglich wieder nach Zell am See und möglichst den ganzen Tag für einen grossen Flug nutzen. Dem OLC konnten wir entnehmen, dass die Piloten am Vortag um 0930 den ersten Aufwind auskurbelten. 

Der Flieger wurde bereitgemacht, Schwerpunkt eingestellt, Sauerstoff eingerichtet, das Flugvorgehen wurde auch kurz mit René Dalla-Rosa besprochen. Er empfahl uns bei einem frühen Start den Einstig in die Alpen über die Hügel nördlich von Feldkirch.

Wir schleppten als erste an diesem Tag kurz vor dem Briefing. Der Schlepp ging Richtung Hochalp. Ab 1800 MüM spürten wir im Schlepp keine thermischen Aktivitäten mehr. Waren wir doch zu früh unterwegs? Glücklicherweise begann es im Raum Hochalp wieder, uns durchzuschütteln und wir klinkten bei 2300 MüM am östlichen Ausläufer des Säntis. Mehrmals kurbelten wir uns wieder auf 2300 MüM hoch, kamen aber nie höher. Das veranlasste uns zur Querung des Rheintals. Wie mit René  besprochen flogen wir nördlich von Feldkirch nach Osten. Wir kamen dort mit ca. 1600 MüM an, konnten langsam dem Hang entlang steigen und weiter Richtung Osten fliegen. Beim Eingang zum Lechtal ging es dann bereits bis 3600 MüM. Wir flogen dann von dort über Landeck auf der nördlichen Seite des Inntals weiter. 

Bei Telfs nahmen wir Kontakt mit Innsbruck auf, die nette Dame am Funk bestätigte uns, dass das Segelfluggebiet aktiv ist. Die Wolken auf der nördlichen Seite wurden immer rarer und wir wollten möglichst hoch über das Inntal Richtung Kitzbühler Alpen queren, um dort den Einstieg besser hinzubekommen. Dazu fragten wir bei Wattens die Bewilligung zum kreuzen der CTR an, was uns leider verwehrt wurde, da IFR Ausflugverkehr im Gange war. Wir mussten also weiter auf der nördlichen Seite bleiben und konnten erst als wir genug Tief waren nach dem Achensee Richtung Süd-Osten halten. Der Einstieg gelang uns nicht auf Anhieb und wir verloren hier einiges an Zeit, bis wir wieder die Basis erreichten, die in diesem Gebiet nur 2700 MüM war. Das Pinzgau sah vielversprechend aus und wir entschlossen uns, den Plan zum Flug nach Zell am See weiter zu verfolgen. Die Strecke lief sehr gut und wir kamen um 1438 in Zell am See an. Was nun?

Das Wetter war bombenmässig, die Wolken hatten keinen Hang zur Überentwicklung, Steigwerte von 2 m/s konnten immer realisiert werden. Entweder nochmals ca. 30 Minuten weiter Richtung Osten oder Umdrehen, und je nach Zeit noch einen Abstecher ins Engadin. Wir entschieden uns dafür umzudrehen, da wir auf keinen Fall dann doch noch am Abend östlich des Arlbergs abgestreift werden wollten.

Den Rückflug konnten wir bei Basishöhen um 3400 MüM problemlos auf der Südseite von Innsbruck durch legen und mussten wenig Rücksicht auf das Relief nehmen. Um 1625 waren wir wieder auf der Höhe von Imst und hatten nach wie vor exzellente Steigwerte und Basishöhen von 3800 MüM. Wir entschieden uns nun noch für den Abstecher über das Oberinntal ins Engadin. Wir kamen auf dem Weg nach Samedan konstant auf ca 4000 MüM bei Steigwerten konstant über 2 m/s und das um 1725!

Bei Zuoz angekommen stellten wir dann aber leider fest, dass das Unterengadin praktisch wolkenlos war. Auf der Alpenfrequenz jammerten alle über das Gebiet nach Samedan und wir entschlossen uns, nicht weiter Richtung Westen zu fliegen. Es war zu diesem Zeitpunkt erst 1725 und der gesamte Weg zurück nach Imst sah noch gleich aus wie auf unserem Hinweg. Nach Hause zu fliegen kam für uns beide auf keinen Fall in Frage, da wir davon ausgingen, bestimmt bis 1900 noch brauchbare Thermik zu finden. Wir entschieden uns also, nochmals zurück nach Imst zu fliegen und dann zurück Richtung Westen den Flug noch möglichst weit auszuweiten.

Der Rückflug nach Imst klappte ohne Probleme und wir machten uns um 1818 auf den Rückweg nach Westen. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt bereits Endanflughöhe, wollten aber jeden weiteren Aufwind noch mitnehmen, um möglichst weit den Flug über die Churfirsten nach Westen für zusätzliche Kilometer auszudehnen. Der Himmel war noch immer mit einzelnen kleinen Cumuli besetzt, sonst aber Wolkenlos, keine Wolkentürme sichtbar.

Am Arlberg bekamen wir einen Anruf von Roger Schoch, der Tagesfluglehrer in Amlikon war. Wir schilderten Ihm, beim Arlbergpass auf 3200 MüM zu sein. Er meinte, in Amlikon sei alles in Ordnung. Das Gespräch wurde beendet. Wieso sollte alles in Ordnung sein Amlikon fragten wir uns, logisch ist alles in Ordnung, wir sehen ja auch keine Gewitter. Erst als wir in Bludenz ankamen konnten wir aufgrund der schlechten Fernsicht und dem Gegenlicht im Westen eine hohe Schichtbewölkung erkennen. Wir nutzten in Bludenz nochmals einen Aufwind, der uns wieder auf 3500 MüM brachte. Wir hatten es nicht eilig, wollten jeden Aufwind der uns noch beim Ausdehnen des Fluges Richtung Westen hilfreich sein kann, auch mitnehmen. Es war 1923 als wir uns für den Weiterflug Richtung Westen entschieden. 

Wir erhielten nach dem Weiterflug Richtung Feldkirch von Bastian eine SMS: „In Winti schiffts“, „Könnte in 10-15 soweit sein. Aber vielleicht mag es der Wind noch aufhalten. Apero ist bereit!“ 

Vor Feldkirch erkannten wir, dass der Weg Richtung Amlikon unter einer dichten Abdeckung liegt. Aufgrund der schlechten Sichtbedingungen sahen wir noch nicht, wie sich die Situation unter der Abdeckung darstellt. Ziel war noch immer, möglichst weit nach Westen auszuholen um noch ein paar zusätzliche Kilometer zu machen. Die Abdeckung beunruhigte uns insbesondere deshalb nicht, da einerseits der Raum Walensee und das ganze Rheintal komplett blauen Himmel hatten.

Um die Wettersituation auf dem Rückweg nach Amlikon etwas besser einschätzen zu können, flogen wir weiter Richtung Hoher Kasten statt wie geplant weiter südlich Richtung Churfirsten. Dort stellte sich dann heraus, dass sich unter der Abdeckung eine Wolkenschicht auf 1700 MüM gebildet hatte. Diese lag zu diesem Zeitpunkt westlich von St. Gallen und wir konnten nicht sehen, ob diese komplett geschlossen war. Es stellte sich heraus, dass wir im Raum Bludenz zu viel Zeit mutwillig verschenkt hatten und wir mussten uns unverzüglich auf den Heimweg machen. Dazu sanken wir mit voll ausgefahrenen Bremsklappen unter die Wokendecke ab und hielten Kurs Richtung Norden, um uns die Optionen Hohenems, Altenrhein und Sitterdorf möglichst lange offen zu halten.

Der Blick Richtung Amlikon zeigte, dass südlich des Sonnenbergs die Sicht und Bewölkung relativ gut waren, sich allerdings eine Zelle direkt über dem Raum Sonnenberg – Märstetten befand und diese in Richtung Nord-Ost weiterzog. Auch der Raum Konstanz war tief schwarz. Ein starker Wind kam auf, wir hatten auf dem Weg von St. Gallen – Bischofszell bereits 50 km/h aus West auf dem LX9000. Diese Windkomponente und das Absinken unter die Wolkendecke liessen unsere Höhenreserven nun rasant schmelzen und wir hatten für die letzten 15 km nach Amlikon auf MC 0 noch 400 Meter Reserve.

Per Funk hatten wir nun Kontakt zum Flugplatz aufnehmen können. Roger Schoch schilderte uns Wind von 80 km/h am Platz. Die Höhenreserve war nun unangenehm geschrumpft, der Wind würde wohl noch weiter zunehmen, bei Weiterflug Richtung Amlikon wäre auch noch mit Regen zu rechnen gewesen, über den Flugplatz Sitterdorf waren wir erst ca. 5km hinweg geflogen und die Regenzelle im Raum Amlikon schien weitgehend an Sitterdorf vorbeizuziehen: Der Entschluss für eine Landung in Sitterdorf war gefasst.

Wir wendeten, rasteten die Platzfrequenz und waren in Nu mit Rückenwind im Abkreisraum beim Flugplatz Sitterdorf. Der Flugplatzleiter wies uns per Funk auf die ca. 60cm hohen PAPI am nördlichen Pistenrand hin. Sehr hoch gingen wir in den Downwind über und entschieden uns bewusst dafür, mit den Klappen in der Landestellung und einer Geschwindigkeit von ca. 130 km/h den Anflug durchzuführen. Hannes setzte das Flugzeug entlang der südlichen Pistenmarkierungen, mit erheblichem Sicherheitsabstand zu den PAPI sanft auf.

Die Skydiver und der Flugplatzchef von Sitterdorf waren schnell zur Stelle und halfen uns, das Flugzeug neben die Piste zu schieben und dort mit den vorhandenen Einrichtungen zu verpflocken. Parallel dazu rief Hannes Roger Schoch auf den Flugplatz an, um die besorgten und mitfiebernden Piloten zu Hause zu entwarnen und die Rückhol-Crew zu mobilisieren. Per Handy checkten wir gleich noch das Radarbild um sicherzustellen, dass die Gewitterzellen auch wirklich nördlich an uns vorbeizogen.

Nachdem der Flieger fest verzurrt war, wettermässig Entwarnung kam und der Flieger weitgehend zur Demontage vorbereitet war, dislozierten wir rüber ins Restaurant und gönnten uns erst mal ein Bier um diesen in mehrfacher Hinsicht unvergesslichen Flug Revue passieren zu lassen:

-          Die 800 km waren zum Greifen nah und wenn dieses scheiss Gewitter nicht gekommen wäre, hätte der der Hund nicht geschissen…

-          Wann hätten wir die Situation mit dem Wetter begreifen können? Vermutlich in Bludenz, als wir nochmals auf 3600 MüM hochkurbelten und dazu 30 Minuten Zeit verloren. Wir sahen damals die hohe Schichtbewölkung, liessen uns dadurch aber nicht beeindrucken. Der Himmel über uns war blau, das Wetter in Amlikon konnte ja gar nicht so schlimm sein. Eigentlich hätten wir uns bereits vor dem Start mehr im Klaren sein sollen, dass irgendwann aus Westen mit Gewitteraufzug zu rechnen war.

-          Hätte die Sache in die Hose gehen können?

o   Nein: Wir hatten Bad Ragaz, Hohenems, Altenrhein und Sitterdorf als Alternativen. Sogar als wir in St. Gallen unter die Woklendecke abgesunken waren, hatten wir noch die Möglichkeiten, nach Altenrhein, Hohenems und Sitterdorf zu fliegen.

o   Ja: Im schlimmsten Falle wären wir am Schluss auf einem Ausweichflugplatz gelandet und der Flieger wäre verhagelt worden. Es war zwar absehbar, dass die Zellen nördlich an uns vorbeiziehen werden; bei einer wesentlich grösseren Gewitterzelle hätte uns aber nur ein hinausgleiten nach Bad Ragaz in Sicherheit gebracht.

-          Was würden wir nächstes Mal anders machen?

o   Die Sicherheitsreserve im Streckenflugrechner muss auf 0 Meter eingestellt sein. Nur so weiss man, woran man im Endanflug wirklich ist. Wesentlich ist nämlich, am MC Knopf drehen zu können, bis die Ankunftshöhe auf 0 ist. Erst dann kann man anhand des MC-Wertes realistisch einschätzen, wie knapp man im Endanflug wirklich dran ist. Der relative Gleitwinkel zählt in solchen Situationen, die Effektive Zahl an Metern Ankunftshöhe bringt einem kaum etwas.

o   Bei schlechter Fernsicht, wie sie an diesem Tag geherrscht hatte, hätten wir uns frühzeitig per Funk bzw. SMS informieren sollen, wie die Situation im Westen aussieht und dementsprechend reagieren sollen. Wir hatten zwar das letzte Mal vor Bludenz Kontakt mit Amlikon, jedoch divergierten die Schilderungen aus Amlikon fundamental zu unserer Einschätzung des Wetters wie wir es wahrnahmen.

o   Während es Fluges haben wir uns sehr wenig Positionsmeldungen durchgegeben. Obwohl CZ auch bis Abends unterwegs war, wussten sie trotzdem nicht wo wir waren und was wir grob vorhatten.

-          Was würden wir wieder gleich machen?

o   Der frühe Einstieg in die Alpen über die Route nördlich von Feldkirch war ein super Tipp. René, ihr hättet das auch so machen sollen ;-)

o   Die Landung der ASH in der Landestellung war eine gute Entscheidung. Weil die Querruder in dieser Stellung nach oben gehen, war das Flugzeug zu jeder Zeit um die Längsachse hervorragend steuerbar. Wichtig hierbei ist, dass man bei solchen Starkwindverhältnissen die Landeklappe erst setzt, wenn man ganz sicher auch den Platz erreichen kann. In unserem Fall hatten wir starken Gegenwind von ca. 11 Uhr bei der Landung. Von verschiedenen Personen wird geschildert, dass bei einer Landung mit sehr starken Querwind das Flugzeug in der Stellung 3 (neutral) gelandet werden soll, da dann im letzten Teil des Ausziehens mit dem Seitenleitwerk die Nase des Flugzeuges besser in die Pistenachse gebracht werden kann. Dazu kann ich keine Aussage machen, das Handbuch empfiehlt in solchen Fällen ausdrücklich die Landestellung.

Wir waren noch nicht fertig mit unserem Bier, da kamen bereits die Rückholer. Die beiden waren zwar etwas arbeitsscheu („Ich bin nöd zum lupfe cho“), machten die Aufgabe aber eigentlich ganz gut. Besten Dank an dieser Stelle den Beteiligten:

-          René Dalla-Rosa, vielen Dank für das zu Verfügung stellen deines Autos und die wertvollen Tipps im Alpensegelflug.

-          Roger Schoch, danke für die Informationen zum Wetter am Flugplatz und den Rückholdienst

-          Bastian Hess, herzlichen Dank für den Rückholdienst, das Plättli nach Eintreffen auf dem Flugplatz und das einfordern eines Flugberichtes

Der Porter-Pilot in Sitterdorf hat uns noch eine Weisheit mit auf den Weg gegeben. Als wir beim Bier in Sitterdorf sahen, dass der Himmel wieder aufzog und wir mit Warten über den Churfirsten entspannt hätten nach Hause fliegen können: Es ist immer besser, man ist am Boden und wünscht sich, jetzt in der Luft zu sein, als in der Luft zu sein und sich zu wünschen, jetzt am Boden zu sein.

 

Pascal Heer, Hannes Grünig

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